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Magazin
Aus allen Gruppen
25.02.2026
Themenbeitrag
Zwischen Resilienz, SM und Moral

In meinem aktuellen Essay habe ich mir wieder ein schwieriges Thema ausgesucht. Nachdem ich bereits einen Artikel über Toxizität und dunkle Fantasien geschrieben habe, möchte ich allerdings nicht den Eindruck erwecken, dass mich ausschließlich solche Abgründe beschäftigen. Wahrscheinlich ist es nur eine Phase. :-)
Die Idee zu diesem Text kam mir durch einen Beitrag des Schweizer Fernsehens: „Sternstunden der Philosophie“. Dort erfuhr ich, dass Depressionen und Angststörungen nicht gleichmäßig über die Bevölkerung verteilt sind. Arme Menschen und marginalisierte Gruppen tragen ein bis zu dreifach erhöhtes Risiko.
Diese Aussage fand ich bemerkenswert. Vor allem interessierte mich die Frage, ob sexuelle Devianz Parallelen zu marginalisierten Gruppen aufweisen.
Das Ergebnis meiner Recherche lautet: nicht zwingend.
Aber … chronischer Stress, Ausgrenzung und Selbstzweifel können eine eingeschränkte Selbstwirksamkeit zur Folge haben. Wer dauerhaft das Gefühl hat, falsch zu sein, pervers oder lächerlich – was die eigene sexuelle Identität betrifft –, dessen Psyche leidet. Als Folge steigt die Vulnerabilität.
Dadurch kann sich die Anfälligkeit für Angststörungen, Depressionen, Burnout etc. erhöhen. Diese Erkrankungen sind generell weit verbreitet. Die eigentliche Frage lautet also: Sind sie in unserem Umfeld häufiger? Und wenn ja – wie können wir dem entgegenwirken?
Wenn überhaupt, sind vermutlich jene SMer stärker betroffen, die mit ihrer Neigung hadern. Wenn ein Dom mit sich im Reinen ist und keinerlei Selbstzweifel verspürt – auch nicht in Bezug auf die ethische Vertretbarkeit von Demütigung, Schmerz oder Manipulation im konsensuellen Rahmen –, dann trägt er wahrscheinlich kein erhöhtes Risiko.
Anders sieht es aus, wenn jemand darunter leidet, dass BDSM gesellschaftlich mal als gefährlich, mal als Lachnummer wahrgenommen wird.
- Wer sein Handeln permanent hinterfragt, ohne jemals zu einer inneren Gewissheit zu gelangen.
- Wer fürchtet, ein Outing könne berufliche Nachteile bringen oder im Streit um das Sorgerecht instrumentalisiert werden.
- Wer internalisierte Scham empfindet, Angst vor familiärer Zurückweisung oder sozialer Abwertung im Bekanntenkreis.
Der führt das Leben eines Geheimagenten, der täglich mit seiner Enttarnung rechnen muss. Dauerstress. Und Stress ist bekanntlich kein guter Mitbewohner der Seele.
Forschungen zeigen tatsächlich, dass sexuelle und geschlechtliche Minderheiten erhöhte Raten von Depressionen und Angststörungen aufweisen. Das jedenfalls ist das Ergebnis meiner Recherche.
Soweit, so ernüchternd.
Was also tun?
Was also tun?
Als wir die Sklavenzentrale vor vielen Jahren ins Leben riefen, war eine Motivation, eine Art Safe Space zu schaffen. Einen Raum, in dem durch Austausch mit Gleichgesinnten Gemeinschaft entstehen kann. Begriffe wie Resilienz oder Selbstwirksamkeit waren uns damals nicht geläufig – aber die Idee, dass man sich selbst weniger „seltsam“ fühlt, wenn man andere „Seltsame“ kennt, war sehr präsent.
Eine Community wie die Sklavenzentrale hatte – und hat – das Potenzial, nicht nur einen Partner zu vermitteln, sondern auch eine positive Haltung zur eigenen Neigung zu fördern. Ein unterstützendes soziales Netzwerk stärkt nachweislich die Resilienz. Das ist vielfach untersucht.
Doch die Sklavenzentrale ist keine Insel. Sie ist Teil unserer Gesellschaft. Ihre zeitweise Indizierung signalisierte den Mitgliedern: BDSM ist „schädlich“ – zumindest für Jugendliche. Man fürchtete eine „moralethische Desorientierung“ junger Menschen.
Aber auch Kreditinstitute und andere Unternehmen mit denen die Sklavenzentrale zusammen arbeitet nehmen über Compliance-Richtlinien Einfluss. Die Folge: Immer mehr Fetische, die prinzipiell harmlos sind (z.B. Windeln, Natursekt-Spiele), werden selbst innerhalb der Community von uns als „no go“ ausgegrenzt. Eine Entwicklung, die den ursprünglichen Zielen der Plattform widerspricht.
Hinzu kommen gesellschaftliche Strömungen. Neue Sensibilitäten entstehen gegenüber Sprache, Körperbildern und Darstellungen. Striemen werden plötzlich als "schlimme" Körperverletzung gelesen, Demütigungen und Dirty-talk als Menschenverachtung interpretiert.
Ich möchte damit keinen gesellschaftlichen Fortschritt blockieren – das Thema ist komplex. Mein subjektiver Eindruck ist jedoch, dass auch SMer zunehmend von einem aseptischen, nicht angreifbaren BDSM träumen: schlagen ohne zu verletzen, Dirty Talk ohne jede Respektlosigkeit, D/s auf Augenhöhe, Kontrolle ohne Kontrollverlust.
Das klassische: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass.“
Diese Tendenz birgt die Gefahr, dass man selbst innerhalb der Szene schnell ins Abseits gerät. Hier beginnt eine ungute Dynamik. Die Szene schaut zuweilen kritischer auf ihre Mitglieder, als es Außenstehende tun würden. Im Wunsch, als „korrekter BDSMer“ wahrgenommen zu werden, werden die Antennen so fein justiert, dass kleinste Unkorrektheiten skandalisiert werden.
Mitgliederbilder werden fünffach gezoomt, um auf einem gerahmten Foto im Hintergrund eine vermeintliche Regelverletzung zu entdecken. Da steht eine Familie. Mit Kind. Und schon lautet das Urteil: Verstoß gegen die Community-Regel „keine Kinder“.
So entsteht bei manchen der Eindruck: Mein SM ist selbst für SMer zu pervers.
Diese Entwicklung empfinde ich als betrüblich. Eine Gemeinschaft, die ihre Mitglieder nicht wohlwollend betrachtet, schwächt sich selbst.
Ich möchte kein unethisches oder regelwidriges Verhalten verteidigen. Aber ich plädiere für Toleranz gegenüber unterschiedlichen Lebensweisen und verzeihlichen, politischen Unkorrektheiten.
Und – was mir noch wichtiger ist – dafür, dass wir, solange wir die Absichten eines anderen Community-Mitglieds nicht genau kennen, zunächst nichts Schlechtes unterstellen.
Text: M. Zyks
Bild: M. Zyks & Sora
Bild: M. Zyks & Sora
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