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16.06.2021
Themenbeitrag

Nicht auf die Nieren!


Bild von: MagicZyks


Nicht auf die Nieren!




Liebe Mitglieder,

die Sklavenzentrale versteht sich als klassische Online-Community, als soziales Netzwerk und ist sogar knapp älter als das 2004 gestartete Facebook.

Die ersten Online-Communities, die ich miterlebt habe, wie zum Beispiel Mailboxen, später CompuServe oder AOL sind oder waren alle ähnlich organisiert. Der Anbieter stellte die Plattform, gab Regeln vor und die Mitglieder lieferten den Content.

Wobei die Mitglieder nicht ausschließlich für die Inhalte zuständig waren, sondern meist auch administrative Aufgaben übernahmen.

Die Sklavenzentrale und etliche andere Communities funktionieren bis heute so. Die Sklavenzentrale hat viele ehrenamtliche Helfer, welche sich um die Einhaltung von Regeln für ein friedliches Miteinander kümmern.

Wikipedia schreibt zu diesem Thema:
„Im Idealfall gibt sich die Community eigene Regeln. Sogar gerichtsbarkeitsähnliche, parlamentarische oder polizeiähnliche Institutionen wurden – meist auf Wunsch der Benutzer – eingeführt.“

Das trifft, wie ich es sehe, auch auf die Sklavenzentrale zu. Begriffe wie C.ops für unsere Chat-Operatoren oder Deputies für die Profil- und Bilder-Polizei deuten genau das an.

Doch neben diesen offiziellen „Aufpassern“ gibt es in Communities immer auch sowas wie eine „soziale Kontrolle“. Wird eine Community zu groß, so mag diese verloren gehen, aber in mittelgroßen Communities lebt dieser soziale Gedanke.

So manifestierten sich auch in der Sklavenzentrale immer wieder soziale Normen. Was ist noch „sane & safe“? Geht das Modell noch als erstrebenswert schlank durch oder ist es schon magersüchtig? Kann man einem dicken Modell noch zur gezeigten „Body Positivity“ gratulieren oder wäre der mahnende Finger angesichts ungesunder Fettleibigkeit angesagt? Diese und weitere Fragen waren und sind immer wieder Thema im Forum und unter Bildern.

Zur der Zeit als die Sklavenzentrale ihr Forum erhielt, war der berüchtigte Rohrstockhieb auf die Nieren ein ganz heißes Thema.

Selbsternannte Spanking-Profis wurden es nicht müde, bei jedem Spankingbild verantwortungsvoll darauf hinzuweisen, dass vielleicht die ein oder andere Strieme etwas zu weit in Richtung Nieren gehen könnte und wie unendlich fahrlässig ein Dom ist, der das nicht beachtet.

Es hat einige Jahre gedauert, bis sich auch in der Szene herumgesprochen hat, dass es gar nicht so leicht ist, mit einem dünnen Rattan Rohrstock einem inneren Organ, wie den Nieren, ernsthaft Schaden zuzufügen. Ich will damit keinesfalls sagen, es wäre nicht möglich oder man solle nicht vorsichtig sein (vor allem bei dickeren Schlaginstrumenten oder welchen mit mehr Impact), aber die Gefahr wurde damals wohl eindeutig überschätzt.

An dieser Stelle möchte ich klarstellen, dass ich durchaus ein gewisses Maß an sozialer Kontrolle für sinnvoll halte. Ich halte es für richtig, wenn man nicht aus einer Haltung unendlicher Toleranz oder Gleichgültigkeit einfach alles akzeptiert. Eine Community ist - für mich - ein soziales Konstrukt, wo jeder seine Wirkung auf andere Menschen abgleichen kann. Wie nehmen andere mein Tun wahr? Wie komme ich an? Wenn ich mich das nicht frage, was bringt mir dann überhaupt eine Gemeinschaft?

Anders gesagt, wenn ich nie erfahre, dass mein Handeln auch zu kritischer Betrachtung Anlass gibt, wie soll ich einen Impuls zum Umdenken bekommen? Das halte ich für besonders wichtig, wenn man sich mit BDSM beschäftigt. Eine Thematik, die permanent grenzverletzend und mit potentiellen Gefahren behaftet ist und die ich eben nicht an jeder Ecke mit anderen Menschen diskutieren mag.

Leider ist das Internet nicht gerade dafür berühmt, respektvolle Kritik zu formulieren und so erhält man für den verstriemten Arsch der Partnerin bei uns nicht nur Anerkennung oder Ermutigungen („Da geht noch was.“), sondern auch Kritik, Zurechtweisung bis zur Ausgrenzung.

Es gibt immer wieder Schreiber, die sich selbst als das „Ur-Meter“ des BDSM sehen und alles, was von ihren eigenen Werten abweicht, ist entweder lachhaftes „Spiel-SM“ oder abzulehnendes „Extrem-SM“.

Vielfach läuft so ein Disput nach einem wiederkehrenden Strickmuster ab. Ein Beispiel:

Ein Fotograf lädt ein Bild einer sehr schlanken Frau hoch.

Der erste Kommentar lautet: „Gib ihr mal was zu essen.“ Der nachfolgende Schreiber, warnt dann vor den Gefahren der Anorexie und dass man solche Bilder niemals loben darf, um die Betroffenen nicht in ihrem Wahn zu bestärken. Worauf sich der Fotograf persönlich angegriffen fühlt und reflexartig für sein Model Partei ergreift und versichert auch er hätte diese Frau nie fotografiert, wenn sie anorektisch wäre.

Daraufhin kontert ein Schreiber: „Du erkennst es halt nur nicht. Du Depp“ und der Fotograf: „Bist du Arzt? Woher nimmst du dein Wissen, Doppeldepp“.


Spätestens an diesem Punkt sind in der Regel neue „Feindschaften“ erfolgreich etabliert.

Mein Eindruck ist, dass seit Bestehen der Sklavenzentrale hier keine Evolution stattgefunden hat.

Hinzu kommt, dass bei Fragen zu spezielleren SM-Lebensentwürfen wie D/s, CIS oder TPE jedem Mitglied klar ist, dass eine Gemeinschaft eben auch von außen als solche wahrgenommen wird. Mancher befürchtet, dass jedes Mitglied, das BDSM öffentlich in seiner Community lebt, die Vorstellung davon wie BDSMer leben, mitprägt.

Das wird auch so sein, vermute ich. Und ja, das ist manchmal schwer auszuhalten.

Wie also ist der beste Weg miteinander umzugehen? Ist ein kritisches Feedback an den Lebensentwürfen anderer eine Hilfestellung zu der ich in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten moralisch verpflichtet bin? Frei nach dem Motto: „Gute Freunde, sagen sich so etwas!“ Oder handelt es sich um ein übergriffiges Einmischen mit dem Ziel mein Weltbild zu etablieren?

Vermutlich beides …




Text: M. Zyks



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