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11.05.2026
Themenbeitrag
Hassliebe Fakes

Wenn Fakes boomen – der schmale Grat zwischen Echtheit und Performance.
In der digitalen Welt verschwimmen Echtheit und Inszenierung immer stärker. Fakes boomen, doch sie gehören eigentlich zu den ersten Bewohnern des Internets – sie existieren seit den Anfängen und prägen seit jeher die Wahrnehmung von Online-Identitäten.
Die subtile Grenze zwischen wahrer Absicht und performativer Selbstinszenierung wird zur zentralen Frage: Was bedeutet es heute, hinter einem Profil zu stehen – wer steckt dahinter, und wer lässt sich von der Wirkung leiten?
Sind Fakes letztlich ein Gewinn oder Verlust für die Online-Werdung von Menschen – oder liegt die Antwort in der jeweiligen Absicht dahinter?
PRO
Fakes sind die eigentlichen Ureinwohner des Internets! Und ein unbequemer Gedanke gleich zu Beginn: Sie gehören zu uns.
Fakes sind die eigentlichen Ureinwohner des Internets! Und ein unbequemer Gedanke gleich zu Beginn: Sie gehören zu uns.
Stell dir vor, das Internet wäre wirklich so, wie viele es sich wünschen:
- Klarnamen überall, geprüfte Identitäten.
Wie schön könnte Dating sein, wenn alle Profile echt wären.
Wie angenehm soziale Medien, wenn es keine Trolle gäbe.
Wie sauber die Welt, wenn es keine „Fakes“ gäbe.
Wie angenehm soziale Medien, wenn es keine Trolle gäbe.
Wie sauber die Welt, wenn es keine „Fakes“ gäbe.
Klingt gut. Ist aber naiv.
Wir sehen Fakes wie einen Unfall des Internets. Dabei sind sie sein Grundprinzip.
Und bevor das missverstanden wird: Ich spreche nicht von Betrug, nicht von Scammern, nicht von strafbaren Täuschungen.
Ich spreche von etwas viel Alltäglicherem, nämlich der Tatsache, das das Internet auf Masken gebaut ist. Als das World Wide Web einer breiten Öffentlichkeit Zugang zum Netz ermöglichte, war die erste Lektion: Schütze dich. Nimm dir einen Nicknamen. Sei nicht du selbst, das wäre ein fataler Fehler. Und auch ganz aktuell, werben z.B. Lehrer in ihren Schulklassen oder VPN-Anbieter aktiv damit, wie man seine wahre Identität, Herkunft im Netz verschleiert.
Anonymität ist für viele keine Nebenwirkung. Es ist die Eintrittskarte und wird von sehr vielen „Internetspezialisten“ und „Datenschützern“ dringend empfohlen.
Und so sind sie entstanden, die: Superhelden, Fantasiefiguren, Avatare. Menschen, die sich Namen gaben, die manchmal mehr über ihre Sehnsüchte aussagen als über ihre Ausweise.
Wer sich „Die kleine Bitch“ nennt, will nicht zwingend andere täuschen – er will eine Seite von sich leben, die im echten Leben keinen Platz hat.
In den frühen Jahren des Netzes gaben sich Männer Namen wie „Barbarella“, nicht um Fake-Rollen in einem Dating-Markt einzunehmen, den es noch gar nicht gab, sondern weil sie die Romanfigur oder Jane Fonda faszinierend fanden. Frauen wählten männliche Namen, um ohne Anbaggerei ungestört diskutieren zu können, usw.
Das Netz war schon seit Beginn kein Ort der perfekten Abbilder. Es war ein Ort der Möglichkeiten.
Und es hatte einen entscheidenden Vorteil:
Vieles, was im realen Leben sofort sichtbar ist, trat in den Hintergrund.
Aussehen. Unsicherheiten. körperliche Einschränkungen.
Ein Stottern verschwand im geschriebenen Wort.
Eine Körperbehinderung verlor ihre Dominanz.
Eine (sexuelle) Identität konnte sich zeigen, ohne sofort hinterfragt zu werden.
Vieles, was im realen Leben sofort sichtbar ist, trat in den Hintergrund.
Aussehen. Unsicherheiten. körperliche Einschränkungen.
Ein Stottern verschwand im geschriebenen Wort.
Eine Körperbehinderung verlor ihre Dominanz.
Eine (sexuelle) Identität konnte sich zeigen, ohne sofort hinterfragt zu werden.
Für diese Menschen war und ist das Internet nicht der Ort der Täuschung. Es war der erste Ort, an dem sie überhaupt sie selbst sein konnten. Paradox? Absolut.
Und genau diese Freiheit hat eine Kehrseite. Wer sich neu erfindet, entfernt sich zwangsläufig ein Stück weit von der überprüfbaren Realität.
- Der „Professor“ ist vielleicht keiner.
- Der „Erfolgreiche“ ist gerade ohne Job.
- Der „Selbstbewusste“ ist privat voller Zweifel.
Und hier beginnt die Debatte über „Fakes“.
Ein Begriff, der erstaunlich viel umfasst: kleine Verschiebungen, große Inszenierungen, harmlose Überhöhungen und gezielte Täuschungen.
Wir sprechen darüber oft, als ließe sich all das sauber trennen.
Als gäbe es eine klare Linie zwischen „echt“ und „fake“.
Als gäbe es eine klare Linie zwischen „echt“ und „fake“.
Aber verläuft diese Linie wirklich so eindeutig?
Wenn wir uns selbst darstellen – online oder offline – wählen wir immer aus. Wir betonen manches und lassen anderes weg. Wir zeigen Versionen von uns, keine vollständigen Abbilder.
Ist das schon ein Fake, oder einfach menschlich?
Die Frage lautet wahrscheinlich nicht: „Wer ist hier echt – und wer nicht?“ Sondern: „Wie viel Inszenierung halten wir für akzeptabel?“ Und diese Antwort fällt sehr subjektiv aus.
Nicht selten - zumindest ist das mein Eindruck - beklagen sich dominante Männer mit einer ellenlangen und erfundenen Erfahrungsliste, über Fake-Subs. Ohne dabei zu bemerken, dass sie genau besehen ebensowenig echt sind, wie ihre Gespächspartnerinnen. Der Kontakt funktioniert wahrscheinlich auch nur weil beide Seiten in ihrer Fantasie leben. Eine Fantasie die zugegebenermaßen recht schnell an der Realität zerbricht.
Vielleicht ist die Schärfe mit der die Fake-Diskusion zuweilen geführt wird dem Umstand geschuldet, dass es einfacher ist, „die anderen als Fakes“ zu kritisieren, als die eigene Rolle darin zu erkennen. Fakes das sind nämlich nicht immer die anderen.
CONTRA
Zunächst einmal kommt es auf die Definition eines Fakes an. Handelt es sich um einen männlichen User, der auf konventionellem Weg keine Aufmerksamkeit erhält und sich deshalb ein weibliches Profil zulegt, in der Hoffnung, so wenigstens eine gewisse Resonanz zu erfahren? Oder ist es die Userin, die das Spiel mit den Sehnsüchten anderer dazu benutzt, um daraus Vorteile zu ziehen? Es gibt unendlich viele Varianten und es würde zu weit führen, alle aufzuzählen. Konzentrieren wir uns auf zwei spezielle Typen: Menschen, die mehr vorgeben zu sein, als sie tatsächlich sind und die wenig beliebten Trolle, insbesondere in Chat-Rooms.
Zunächst einmal kommt es auf die Definition eines Fakes an. Handelt es sich um einen männlichen User, der auf konventionellem Weg keine Aufmerksamkeit erhält und sich deshalb ein weibliches Profil zulegt, in der Hoffnung, so wenigstens eine gewisse Resonanz zu erfahren? Oder ist es die Userin, die das Spiel mit den Sehnsüchten anderer dazu benutzt, um daraus Vorteile zu ziehen? Es gibt unendlich viele Varianten und es würde zu weit führen, alle aufzuzählen. Konzentrieren wir uns auf zwei spezielle Typen: Menschen, die mehr vorgeben zu sein, als sie tatsächlich sind und die wenig beliebten Trolle, insbesondere in Chat-Rooms.
Vorweggesagt, kann ich weder der einen noch der anderen Spielart etwas abgewinnen. So verständlich der Wunsch ist, sich möglichst vorteilhaft zu präsentieren, so schnell wird aus der kleinen Mogelei eine handfeste Lüge. Ich frage mich, was es bringt, sich völlig unrealistisch darzustellen, vielleicht mit Pseudo-Erfahrungen zu prahlen, die man höchstens allein unter der Bettdecke gemacht hat? Oder unter (gerne häufig wiederholtem) Verweis auf vergangene Beziehungen als Referenz für vorgeblich grenzenlose SM-Erfahrung ein Narrativ zu schaffen, das einer Realitätsprobe niemals Stand halten kann?
In meinen Augen stehen sich solche Menschen selbst im Weg, denn wie soll es mit solchen Hürden im Gepäck überhaupt zu einem Treffen mit einem potentiellen Partner kommen? Genau, entweder kommt es nicht dazu oder, sofern ausreichend Mut vorhanden ist, ist eine Enttäuschung vorprogrammiert.
Nun zu den Trollen. Was zum Teufel bewegt einen halbwegs normal tickenden User dazu, sich ein Alter Ego einzig zum Zweck der Provokation, Beleidigung oder mit dem Ziel, schöne Gespräche zu zerstören, zuzulegen? Nicht selten sind es Personen, die mit ihrem bekannten Nickname sehr angepasst die Gesellschaft anderer suchen und durchaus gewohnheitsmäßig in den Chaträumen anzutreffen sind, die sie mit einem Tarn-Profil zu demontieren versuchen.
Ist es ein schwaches Selbstbewusstsein oder das Gefühl, nicht ausreichend gewürdigt zu werden? Die Frage ist natürlich rein rhetorischer Natur, denn es gibt schlicht keine Rechtfertigung für ausuferndes Verhalten, das eine Gemeinschaft (zer)stört und/oder Einzelne verletzt.
Für mich sind wenigstens diese Fakes absolut verzichtbar und ich kann sie nicht als Bereicherung erkennen.
Text: Scanta, M.Zyks
Bild: Scanta, Heinrich von Schimmer (Magic)
Bild: Scanta, Heinrich von Schimmer (Magic)
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