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Preis der Nachlässigkeit (Teil 1)
Spät am Freitagabend, mit einer wirklich miesen Woche hinter mir, komme ich bei ihr an. Jede der ohne sie vergangenen Nächte und jeden der vergangenen Tage habe ich sie vermisst. Nun stehe ich vor ihrer Haustür auf der Straße, doch der mentale Müll der letzten hektischen Stunden klebt noch an meinem Denken und Sinnen. Ich bin noch nicht wirklich hier.
Entnervt stoße ich den Atem aus, unternehme eine willentliche Anstrengung, die mentale Schleuse zwischen mir und den unausweichlichen Notwendigkeiten des Lebens für den Moment zu schließen und mir zu vergegenwärtigen, dass mich nur noch zwei Türen und ein paar Treppenstufen von der Frau, die ich liebe, trennen.
Leider gibt es da ein kleines Problem.
Ich bin nicht nur zu spät. Ich war auch, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, quasi ununterbrochen beschäftigt. Gearbeitet, und geschlafen, hier und da bestenfalls noch geduscht, um sich nicht völlig abgewrackt zu fühlen. Das war's. Abgesehen von der ein oder anderen kaum genossenen Mahlzeit zwischendurch. Hamsterrad, einwandfrei.
Und nun steht der Zwei-Zentner-Hamster vor der Tür seiner Liebsten und fragt sich, wie er ihr beibringen soll, dass wirklich seit dem Wochenende keine Zeit gewesen ist, um sich für sie ordentlich glatt zu halten.
Das wird mit einiger Sicherheit zu... sagen wir mal... "Komplikationen" führen. Mindestens aber Erklärungsnot. Womöglich Schlimmeres. Ich schlucke. Hängt vermutlich erheblich davon ab, wie böse sie überhaupt schon ist, weil ich mich gut und gerne anderthalb Stunden verspätet habe.
Ich erwäge Ausweichszenarien.
Vielleicht kann ich's ja vor ihr verborgen halten und morgen einfach ganz früh aus dem Bett schleichen und in aller Heimlichkeit und Schnelle beheben. Eine entfernte Möglichkeit, sofern sie schon müde ist. Ich sehe noch mal aufs Display meines Handys.
Zu früh am Abend, sagt die Uhr.
Eher schlechte Aussichten für Plan B.
Außerdem nach wie vor keine Anrufe, keine Nachrichten. Vermisst sie mich womöglich gar nicht so wie ich sie?
"Hey; Schwachkopf! Wenn du sie so sehr vermisst, warum hast du dann nicht sie angerufen und ihr mitgeteilt, dass du später bei ihr sein wirst?"
Die Stimme in meinem Innern lässt mich nie mit schlecht haltbaren Positionen durchkommen.
Ich seufze noch einmal.
Und drücke auf Ihre Klingel.
Die Sprechanlage knarzt.
"Ja?"
"Ich bin's" brumme ich.
"Ich? Wer soll das sein?"
Höre ich ein Lächeln in ihrer Stimme oder ist das Wunschdenken? Ich habe eine pampige Entgegnung auf der Zunge; doch das ist nur das Wochenwesen, das da aufbegehren will. Ich reiß das aggressive Mistvieh am Zügel und nenne artig meinen Namen.
"Nun komm schon. Lass mich rein. Ich erklär' dir, warum ich zu spät bin."
"Kenn ich alles schon."
Knack.
Aus.
Schweigen.
Pause?
Oder Feierabend?
Ein neuerliches Knacken.
"Komm rauf."
Der Türöffner schnarrt, ich trete ein. Treppenhaus, Flur; ihre Türe ist bloß angelehnt. Licht fällt durch den Spalt; ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die Hausbeleuchtung einzuschalten. Diesen Weg finde ich auch in völliger Dunkelheit.
Ich höre Gespräche, als ich durch die Tür in ihre Wohnung trete. Hat sie Gäste? Jäh fährt mir ein Schreck durch die Glieder: Au weia, hatten wir womöglich eine Verabredung, die ich verschwitzt habe?
Nein. Es ist der Fernseher. Sie sieht sich einen Film in der Glotze an, irgendwas mit Tom Hanks und Meg Ryan, wie ich feststelle, als ich zu ihr ins Wohnzimmer trete. Am anderen Ende des Flurs wird derweil die Wohnungstür vom kräftigen Hydraulikschließer über dem Blatt zugedrückt.
Klack.
Ich bin zuhause.
Bei ihr.
Sie sitzt auf dem Sofa, die Beine seitlich untergeschlagen, und sieht umwerfend aus. Für mich ist sie die schönste Frau der Welt und ich frage mich jedes mal wieder, wie sie auf einen Klotz wie mich abfahren kann. Aber offenbar tut sie das. Ich habe wenig Anlass, daran zu zweifeln.
Ihre Arbeitskleidung hat sie zum größten Teil noch an. Eine neutrale Bluse und den Rock eines schlichten Kostüms, nicht zu aufgedonnert, nicht zu leger. "Assertive professional outfit" nennen sie das bei ihr in der Firma. Mir egal, wie das heißt. Es steht ihr großartig. Schuhe trägt sie keine mehr; ihr Haar hat sie wohl ebenfalls schon vor einer Weile gelöst. In einem langen, edlen Schwall fällt es ihr über die eine Schulter auf den Leib, reflektiert mit tiefroten Reflexen an einigen Stellen die einzige Lichtquelle im Raum, die Lampe über dem Esstisch, auf dem die Reste eines unkomplizierten Abendessens abkühlen. Lammkoteletts, Rosmarinkartoffeln. Gedeckt für zwei, ein Platz unberührt.
Schon aus zeitlichen Gründen kocht sie nicht gerade oft. Das hier hatte etwas Besonderes sein sollen.
Ich stecke nicht bloß in der Tinte: Ich bin komplett erledigt.
Sie sieht nicht vom Fernseher weg, klopft nur mit der Handfläche neben sich auf das Sofa. Offenbar hat der Film sie in Ihren Bann gezogen. Geht um E-Mails. Na super. Als hätten wir davon nicht schon genug den ganzen Tag. Aber ich bin wohl kaum in der Position, auch nur einen Ton von mir zu geben. Ich gehe nicht mal in die Küche, um mir was zu trinken zu holen, sondern stelle meinen Samsonite-Rucksack mit dem ganzen Arbeitskrempel einfach da ab, wo ich gerade stehe, gehe hinüber zu ihr und lasse mich neben ihr auf dem Sofa nieder. Genau dort, wo sie zuvor hingetappt hat.
"Ich ..." –
"Sschschsch!", unterbricht sie mich sofort; "Ich will nichts hören. Lass mich den Film zu Ende schauen."
Ich quittiere den Empfang dieser Aufforderung mit einem leisen Geräusch zwischen Schnauben und Brummen, was sie wohl als Laut des Unmuts aufgefasst haben muss, denn sie setzt nach ein paar Sekunden hinzu – nach wie vor ohne den Blick vom Bildschirm wegzunehmen: "Du kannst nicht allen Ernstes glauben, dass ich gleich alles stehen und liegen lasse, sobald du dich dazu herablässt, endlich hier aufzukreuzen. Ich habe gewartet und ich habe aufgehört zu warten."
Kurze Pause, weil Tom Hanks unbedingt Meg Ryan mitteilen muss, was für eine gottverdammte Giftspritze sie in seinen Augen ist. Nicht schlecht, Tommy Boy. Leider glaubst nur du, dass Meg jetzt vielleicht endlich mal den Mund halten wird.
Als die Szene vorüber ist, fährt meine Herzdame fort, den Fernseher über ihre Befindlichkeit zu informieren. "Ich habe mich vor etwa 45 Minuten mit dem Gedanken abgefunden, dass ich auch heute Abend ohne dich auskommen muss. Jetzt kannst du auf mich warten oder es lassen. Deine Entscheidung. Aber was immer du tust, mach's leise. Du weißt ja nötigenfalls, wo die Tür ist."
Ich bin baff.
Sie ist offensichtlich mehr als nur ein bisschen verärgert.
In mir regt sich Hasso, der Wochenhund, zerrt an seiner Kette und will dringend nach der stolzen Schönheit auf dem Sofa schnappen. Trotzig einwenden, dass ich meine guten Gründe hatte und nicht einfach so weg konnte. Oder irgendetwas in der Art. Ich bescheide ihm barsch, er soll verdammt noch mal die Schnauze halten, Frauchen hat nämlich Recht. Wir waren verabredet und ich bin zu spät; sie hat eine Überraschung vorbereitet und ich habe sie verdorben. Und dann vermittele ich ihr auch noch den Eindruck, ich hätte etwas an ihrer Verstimmung auszusetzen.
Gar nicht gut.
Im Gegenteil: ziemlich schlechte Vorraussetzungen für ein angenehmes Wochenende miteinander. Ein Gutes hat das ganze jedoch.
Es erscheint angesichts der gegebenen Sachlage überaus unwahrscheinlich, dass mein kleines haariges Versäumnis enthüllt wird.
Will ich womöglich gehen?
Plan C, quasi?
Nein.
Ganz klare Antwort.
Ich habe so viel Sehnsucht nach ihr, dass ich das Gefühl habe, es müsse mir den Brustkorb sprengen. Vielleicht kann ich den ganzen Schlamassel morgen ausbügeln, wenn wir eine Nacht drüber geschlafen haben. Vielleicht muss ich auf dem Sofa bleiben, aber hey, immer noch besser als fern von ihr in meiner eigenen Butze.
Um den weiteren Abend möglichst kollisionsarm rumzubringen, versuche ich also den Statuentrick. Oft genug funktioniert der. Man ist da, tut aber so, als wäre man es nicht. Mit etwas Glück verraucht dann ganz allmählich der Zorn über die vorangegangene männliche Arschigkeit, und irgendwann verirrt sich dann möglicherweise ein weiblicher Finger auf den eigenen Handrücken. Noch ein bisschen später könnte man vielleicht den Eindruck gewinnen, der eine habe unauffällig die Hand des anderen ergriffen, obwohl natürlich alle beteiligten Parteien diese Auslegung der Umstände enthusiastisch bestreiten würden.
Heute scheint jedoch für Statuen ein vergleichsweise günstiger Tag zu sein. Als Tom entdeckt, dass er Meg ja eigentlich doch ganz toll findet, ist meine bessere Hälfte schon überaus beiläufig gegen meine Seite gesunken. Beim Abspann ruht ihr Kopf auf meiner Schulter. Ich sitze stocksteif und versuche alles zu vermeiden, was in irgendeiner Form gegen mich verwendet werden könnte.
Als die Nachrichten nach dem Film beim Wetterbericht angelangt sind, ist sie längst an meiner Vorderseite heruntergerutscht, hat sich seitlich auf dem Sofa eingekuschelt und liegt mit Ohr und Wange auf meinem Schoß. Eine Hand liegt irgendwo zwischen meinem Knie und ihrer Nase auf meinem Oberschenkel. Es wirkt nicht so, als wolle sie so bald von dort fort; eher so, als wolle sie sich auch noch den Spätfilm dieses Abends reinziehen.
Ich bin eine Statue.
Das versuche ich mir zumindest mit aller Kraft gegenwärtig zu halten. Denn ein Teil meiner Anatomie will sich so ganz und gar nicht wie unveränderlicher Marmor oder Granit oder ähnlich unbewegliches benehmen. Von der Wärme ihres Gesichts und der Hand auf meinem Bein bekomme ich ganz allmählich einen Ständer. Und trage dieses akute Problem auch noch auf der Seite in der Hose, auf welcher sie ihr Lager genommen hat.
Das kann ihr unmöglich noch lange entgehen.
Mein Herz klopft schneller, und ich versuche meinem Schwanz irgendwie begreiflich zu machen, dass der Temperaturanstieg in seiner unmittelbaren Umgebung nicht das Allergeringste damit zu tun hat, dass ihm jemand Aufmerksamkeit zuteil werden lassen möchte.
Eher im Gegenteil. Wenn er nur das geringste bisschen Grips in seinem tumben kleinen Kopf hätte, würde er zusehen, dass er fein unbemerkt bleibt, statt sich auch noch in Richtung der einzigen derzeit relevanten Gefahrenquelle im ganzen weiten Weltenrund vorzudrängeln.
Keine Chance.
Dämliches Ding.
Ich fliege auf.
© Text: HeatSeeker
© Bild: SPO
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