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Verstanden

Exotik geht irgendwie anders

London im April ist nicht gerade der exotischste Ort, der sich vorstellen lässt.
Schon gar nicht, wenn Herrchen in aller Herrgottsfrühe um den Bug der Cutty Sark herum geistert und versucht die Galionsfigur so perfekt wie möglich abzulichten.
Erst recht, wenn einem jetzt erst klar wird, warum man ein ziemlich kurzes viktorianisches Hemdchen unter dem Mantel trägt. Die alte Dame heißt ja >abgeschnittenes Hemdchen< und Herrchen will ganz sicher unbedingt die Hexe Natty aus dem Gedicht von Robert Burns so naturgetreu wie möglich nachstellen, einschließlich des blanken Busens. Wie immer in seinem Foto-Rausch arbeitet Herrchen schnell und präzise. Die aufgehende Sonne zaubert einen magischen rot-goldenen Schimmer, der schnell verblasst je heller es wird. Herrchen wettet gegen die Zeit, gewinnt nur knapp und nickt sehr zufrieden.
Er liebt solche frivolen Blitz-Shootings in aller Öffentlichkeit und lässt sich fast nie erwischen. Letzte Nachtschwärmer und erste Frühaufsteher reiben sich verwundert die Augen und ziehen weiter. Nur ein älterer Gentleman bleibt respektvoll stehen. Sie sucht gerade vor allem Herrchens sieben Sachen zusammen, als sich der Gentleman freundlich nähert und zu heißem Tee nebst gutem Frühstück lädt. Ihr ist kalt, Herrchen auch und so nehmen sie an.

London im April kann ein sehr exotischer Ort sein, wenn das Frühstück im äußerst exklusiven Speiseraum direkt unter dem Kiel der Cutty Sark stattfindet. Kapitän Richard Woodget diente der alte Dame am längsten. Seinem Kommando verdankt sie viele bis heute ungebrochenen Rekorde und ihren Ruhm als schnellster Teeclipper der Welt. Für Menschen, die wie sie und Herrchen, alte Großsegler nicht nur lieben sondern als freiwillige Hands regelrecht sammeln, ist es natürlich aufregend, wenn ihr Gastgeber ein direkter Nachfahre Woodgets ist.
Sein Deutsch ist ausgezeichnet und es wird nicht nur über Windjammer gesprochen.
>Sie haben wirklich wirklich sehr großes Glück. So einen wundervollen Sonnenaufgang haben wir nur ein oder zwei Mal das Jahr. Sie sind zufrieden mit ihren Bilder?<
>Überaus! Interessieren sie sich für Photographie?<
>Ein wenig…<
Herrchen wirft den Tablet an. Ihr sehr großzügiger Gastgeber ist überaus begeistert.
>Ich habe schon vorhin bemerkt, dass sie ein - sagen wir- sehr spezielles Paar sind. Ihre Bilder sind es nicht weniger. Ausgezeichnet! Die junge Dame fängt perfekt die Seele der Cutty. Oh, und ein paar Abzüge sind sogar für das Merchandising im Museumsshop sehr gut. Wenn Sie wünschen könnte ich das ermöglichen.<
Herrchen macht natürlich gerne ein sehr vorteilhaftes Geschäft nebenbei. Es versteht sich, dass ihr unerwarteter Gönner zum Dank für die erwiesene Freundlichkeit auch ein paar nicht ganz so jugendfreie Abzüge zum privaten Gebrauch erhält.
Aber dann müssen sie sich wirklich beeilen.
Zwei Dinge warten nämlich nie: die nächste Flut und der nächste Flieger.

Nach ihrem kurzen Zwischenstopp in London geht es nach Savannah, wo die Clam Chowder auf sie wartet. Freunde haben diesen typischer Neuengland-Schoner restauriert, ein gutmütiges Arbeitstier, hochseegängig, leicht zu segeln, und schnell. Auch sie und Herrchen, haben oft geschwitzt, geflucht und weiter gemacht. Der Turn hinunter nach Miami ist ein kleines Dankeschön. Bis dahin gibt es noch viel zu sehen und nicht nur die Keys haben ihre Reize. Die Clam Chowder hat sich ihren Beinamen >queer and kinky< redlich verdient.
Alle an Bord sind das eine, das andere oder beides. Es wird auf jeden Fall eine sehr exotische Reise. Aber das ist eine andere Geschichte.
Geschichte
Sklave Lupus
20.02.26
21:46
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Thema: Erotik und Exotik
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