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Aufbruch

Ich bekomme keine Luft mehr. Der Weg durch die Häuserruinen und den nicht enden wollenden Staub macht meine Augen tränen - schmierg und verquollen, ganz anders als noch vor ein paar Jahren. Wo ist er denn? Die Papiere liegen wie besprochen tief in dem Mauervorsprung, unten beim Kohlenkeller. Sie dort unterzubringen kostete mich fast einen Herzinfarkt, als plötzlich Ernst hinter mir stand - ganz ähnlich den britischen Bombern, die inzwischen zum Nachthimmel gehören - mit seiner gescheitelten Frisur und diesem dunklen, hungrigen Schatten im Gesicht.

>> Albert legt leise seine Reisetasche in den Flur, streicht sich die schweren Stiefel von den Füßen und schleicht auf Zehenspitzen in die kleine Küche aus der leises Klappern und Klirren zu hören ist. Weiter als bis zur Tür kommt er nicht. Friedas beschürzter Körper insbesondere der süße, spitzenumrahmte Apfelpo stehlen ihm den Atem. Sie wiegt sich den Quirl in der Hand zum leisen Takt der typisch knackenden Radiomusik „They say you have no lips for a fool such as I” Nur um einen Moment noch Ruhe zu haben, den Anblick ungestört genießen zu können lehnt er sich an den Rahmen, wippt den Fuß im Takt und kann es nicht fassen, reif ist sie geworden in der Zeit die er fort war. Ihr zartes, verletzliches, ja beinahe naives Wesen doch noch stets zu spüren besonders, wenn er um sie ist.

Ich kann seine Stimme nicht ertragen, dieses sonore Schnarren die forschenden Augen, das arrogante Grinsen rund um den Mund. “Sag! Was machst du da?” Sein Blick tastet hinter mir an der Mauer entlang. Ich halte die Handvoll frisch gepflückter Erdbeeren hoch die ich mit dem Glück der Verzweifelten eben noch pflückte und reiche ihm die größte. „Hier reifen sie inzwischen einfach am besten.“ die Skepsis kann ich damit nicht ganz aus dem verhärmten Gesicht wischen, darum füge ich hinzu: „Mit Glück reicht es für ein Gläschen von Friedas phantastischer Marmelade, wenn ich es noch schaffe ein wenig Zucker aufzutreiben.“

>> Bei einer schon fast gewagten Drehung im Takt der Musik entdeckt sie ihn, wie er dort steht, versunken, ein klein wenig derangiert mit dem schiefen Kragen und der verrutschten Jacke, aber das konnte Frieda noch nie aufhalten, sie fliegt ihm nahezu in die Arme und schlingt ihre zarten Beine um seine Hüfte, während sie ihn mit Mehl und dem vom Quirl tropfenden Teig überzieht. „Albert, warum sagst du denn nichts?“ er lacht nur - ein Lachen das früher hohl geklungen hätte, heute aber dröhnt wie ein Deutzer Motor - wirbelt sie herum, entwindet ihr den Quirl und drückt sie energisch Gegen die Wand, schiebt ihr gefährlich kurzes Röckchen - es wäre schön, wäre die Kürze ihr Stil und nicht bloß dem Mangel geschuldet - hoch, um sie noch näher und deutlicher spüren zu können. „Frieda, denk doch daran, diesen Sender kannst du nicht einfach einstellen!“, seine Stimme kolportiert mehr Sorge als Vorwurf.

>> Die Wangen tief gerötet, der Atem flatternd und flach strahlt Frieda, Albert an: „Ich muss weiter machen, die Käthe kommt gleich und bis dahin muss die Terrasse gerichtet und der Teig fertig sein.“, sagt sie, seinen Hinweis galant ignorierend und deutete auf die ziemlich chaotische Küche; drängt Albert dabei zärtlich zurück. Er nickt leicht geknickt und macht sich auf, die Terrasse - oder auch das vergangene Hauptquertier, seiner nun schon lang verschworenen, aber stark dezimierten Gemeinschaft - zu richten. Er freut sich, zu lang waren sie nun schon nicht mehr in Ruhe beieinander gesessen. Schon gar nicht wie früher bei gutem Essen und Wein, fremder Musik und ausgelassener Stimmung. Vielleicht versprach der Abend ja einen Hauch von früher zu bringen, als die Welt noch ein wenig einfacher war. Während er an die gemeinsamen Sommer denkt ruft Frieda ihm im Vorbeigehen zu: „Stell Bitteschön einen vierten Stuhl dazu. Käthe meinte der Ernst kommt auch.“ Alberts Miene verfinstert sich.

>> Ernst war ein Fiesling, Albert konnte ihn schon seit Schulzeiten nicht leiden. Er war einfach ein Prolet, viel zu laut, unerhört, entbehrte jeglichen Manieren und hatte sich auch noch gleich zu Beginn diesem dummen, marodierenden Pack aus frustrieren Schlägern als Redelsführer angeschlossen, die damals wie Unkraut überall aus dem Boden schossen. Und Käthe teilte da seine Meinung, rollte stets mit den Augen wenn er sich auf der Gemeindeversammlung äußerte und mied ihn eigentlich wie saure Milch. Was sie wohl dazu getrieben hat grade ihn mitbringen zu wollen? Gut konnte es sicher nicht sein. Er macht es sich in der wärmenden Sonne bequem, nippt an dem dünnen Tee der heute den Aperitif ersetzen würde und beobachtet seine Frieda, die emsig ein und aus eilt, um das bevorstehende karge Abendmahl für vier zu richten und entscheidez die tief in seinem Rucksack verwahrte Whiskeyflasche vom Schwarzmarkt wolle er für die Nacht und sie Drei bewahren. Ach wenn doch ihr Kurt noch hier wäre, aber der ist schon seit Monaten verschollen, alles wäre einen Hauch leichter, nicht nur für Käthe.

>> Er will sich grade nachschenken, da sieht er durch das staubige, brüchige Glas, den Kuss von Frieda und Käthe, der irgendwie stürmischer und sehnsüchtiger ausfällt als es den beiden sonst zu eigen ist. Albert wartet einen Moment, schafft ein wenig Raum für diese Zuneigung. Er war sich nie klar ob er und Kurt nicht bloß dazu dienten, die Liebe der beiden fortführen zu können. Käthe in ihrer burschikosen fordernden Art hätte in einer anderen Welt hervorragend zu Frieda gepasst und war auch heute ihr zuverlässiger Anker, der verhinderte, dass sie sich in dieser dunklen Welt verlor. Doch er verbittet sich den Gedanken. Zu bitter zu vergoren, davon sollte er sich sein kleines kleines bisschen Glück nicht schänden lassen. So beobachtet er die zwei und kehrt gedanklich zurück zu glücklicheren Tagen:
“Seine Mutter hatte die beiden aufgenommen pünktlich zur Kartoffelernte, angetan von Käthes offener und anpackender Art und Friedas sanftem Wesen. So hatten sie einige Jahre miteinander verbracht die beiden Mädel und die beiden Brüder, waren aneinander gewachsen, hatten sich vertrauen und lieben gelernt, hatten sich inspiriert aus den Büchern des Vaters eine Weltsicht geformt, die gut war, friedlich war… nur leider hatte währenddessen rund um sie die Welt langsam begonnen Feuer zu fangen und lies träumenden Liebenden mit blühenden Utopien keinen Raum.“

Ich versenke mich im Kuss mit Frieda und kann meine Rast- und Ratlosigkeit in ihrer Weiche und Zartheit zumindest für diesen kurzen Moment ersticken. Erst als Albert die Küche betritt lasse ich sie gehen und mich zur Begrüßung sanft in seinen Arm ziehen.„Sag. Warum der Ernst? Dein Geschmack ist doch sonst besser.“ während ich noch suche kommt mir Frieda zuvor und legt, den Teller mit den fertigen Maronenpfannkuchen in der Hand, das für mich Unaussprechliche einfach mitten in den Raum. “Na die ham doch den Friedrich eingesackt die Verbrecher.” Seither ist es ein wenig kühler bedrückter geworden hier im Raum, der verlautbare Schatten deutlich in der Ecke streckt zunehmend die Fühler aus in die so lange nur leise gemurmelte Überlegung „und was wenn er kommt, der Moment, an dem es heißt wir müssen gehen?“ und ich sehe es da vorn in seinem Augenwinkel als er sich wendet um Ernst einzulassen, die Zeit ist jetzt - nein eigentlich war sie schon lang vorbei als mein Kurt noch bei uns war.

Ich bin dankbar für die Leichtigkeit mit der unsere kleine Frieda uns neben dem schnarrenden Ernst, mit dünnem Apfelmost, Witz und warmen Maronenpfannkuchen durch den Abend jongliert. Der Schatten hält sich ruhig in der Ecke unser Lächeln wirkt ein bisschen wie gemeißelt macht sich aber ganz gut im Kerzenlicht. Der brüchige Frieden vielleicht nur für Albert und mich zu spüren. Ab und an tauschen wir einen Blick uns ist klar zumindest die Frieda müssen wir noch rausbringen, bevor Ernst’ Schergen, das Versteck im Mauervorsprung räumen und keiner von uns mehr in eine Zukunft blickt. Ich drücke seine Schulter, sehe sein Nicken und weiß, heute Nacht wird unsere Welt eine andere.
Geschichte
Mlle E
04.01.24
20:44
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Thema: Retro
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